Neurophone NF3 header

(Der folgende Artikel erschien am 14. September 1962 im LIFE Magazine)
Müheloser Senkrechtstarter *
von William Moeser

Der sehr junge Mann auf dem Foto steht auf seinem Kopf, weil er sagt, dass es ihm beim Denken hilft. Das tut es offensichtlich. Pat Flanagan, ein 17-jähriger Erfinder aus Bellaire, Texas, ist bereits den ehrwürdigen 30 und 40-jährigen Wissenschaftlern und Erfindern dicht auf den Fersen, die die bemerkenswerten Konstruktionen auf Seiten 54 bis 65 gebaut haben. Pat hat gerade alleine eine außergewöhnliche Maschine vollendet, die eines Tages tauben Leuten helfen könnte, zu "hören" und blinden Leuten zu "sehen". Sie könnte ihm auch jede Menge Geld einbringen. Pat begegnet seinem in naher Zukunft liegenden Erfolg mit Gleichmut, weil er damit rechnet - und wer würde das heutzutage leugnen-, dass die Generation, die von der 'Take-Over-Generation' übernimmt, entdecken wird dass nichts unmöglich ist. Pat Flanagan ist ein einzigartiger und hochmotivierter Teenager, der seinen Verstand und Körper in das Modell eines reifen und neugierigen Wissenschaftlers gekleidet hat. Gleichzeitig entspricht er auch einem gewöhnlichen Teenager; er ist der Twist-Champion in Bellaire - einem Vorort von Houston - ein gemäßigter Partygänger, der Mädchen nachläuft, Besitzer eines privaten Flugscheins und ein spektakulärer Turner. Trotz seiner Fähigkeit, in zwei Welten zu funktionieren, läßt Pat keinen Zweifel daran, welche er bevorzugt. "Es gibt viel zu viele Kinder in meinem Alter, die bereit sind, gerade mal so durchzukommen." Pat ist zuversichtlich bezüglich seiner Fähigkeit, viel mehr zu tun als gerade so durchzukommen.

Sein zielbewußter Glaube an seine Fähigkeiten begann mit einem zwingenden Traum, den er hatte als er 8 Jahre alt war. "In diesem Traum wurde mir gesagt, dass ich alles über Physik und Elektronik lernen sollte", sagt er. "Und es wurde mir gesagt, dass ich Leuten helfen sollte." Bereits ein sportlicher Junge, der 300 Liegestützen am Tag machen konnte, machte er sich nun daran, seinen Verstand zu trainieren. Als er 13 war, reparierte er während Sommerferien Fernseher, um das Geld zu verdienen, um sich ein elektronisches Labor auf seinen Dachboden einzurichten.

Die ruhelose Phantasie Pats führte zu unermüdlichen Sitzungen in seinem Labor. Als Unterstützung bat er seine Eltern und seinen älteren Bruder Mike um einen besonderen Gefallen - das Privileg, dort ungestört experimentieren zu dürfen. An einem Wochenende im letzten Oktober begann Pat den Versuch, der zur Entwicklung seiner absolut phantastischen Maschine führte. Ausgehend von einem Radiosender, den er selbst entwickelt hatte, versuchte er, dessen Wellen zu modulieren, um zu herauszufinden, ob er eine Sinnesempfindung wie Hören in seinem Nervensystem herbeiführen konnte, ohne die normalen Hörkanäle zu benutzen. Er verband sein Radio mit einem kleinen Sender, der wie ein Ohrenschützer aussah. Nach 34 Stunden Arbeit verstopfte er seine Ohren, setzte den Ohrenschützer auf und entdeckte, dass er immer noch "hören" konnte. "Ich rannte nach unten, um es irgend jemandem zu erzählen. Ich weckte meine Mom auf. Sie drehte sich nur um und sagte zu mir: "Das ist nett, Pat, aber ich höre Dir morgen zu." Sie hörte ihm am Morgen zu, und viele sehr wichtige Leute haben Pat seither zugehört.

Pat nennt sein Gerät an das "Neurophon" und den Prozeß, mit dem es arbeitet ''Neurozeption" (Nerven-Wahrnehmung). Er denkt, dass es im Grunde genommen elektrische Nachrichten sendet - identisch mit denen, die Geräusche verursachen –und zwar durch das Nervensystem des Körpers direkt zum Gehirn. Daher kann er den Ohrenschützer des Neurophons an Jemandes Wirbelsäule oder Solarplexus anbringen, die Ohren seiner Versuchsperson verschließen und die Person "hört" immer noch. Wenn das Neurophon in der Tat tut, was es zu tun scheint, ist Pat offensichtlich auf etwas gestoßen, das die normalen sensorischen Prozesse des Körpers kurzschließt und dem Menschen einen noch nie dagewesenenen Zugang zu seinem Gehirn verschafft. Andere Erfinder - viele mit viel mehr Erfahrung und Möglichkeiten als Pat - haben jahrelang nach einem solchen Gerät gesucht, und Pat erklärt seinen Erfolg gegenüber ihren Mißerfolgen als ein Folge seines eigenen kraftvollen Einmann- Einsatzes für die Wissenschaft. "Ich glaube, dass die Forschung im Bereich elektronischen Hörens beschränkt gewesen ist, weil Erfinder nicht in der Lage gewesen sind, menschliche Subjekte als Versuchskaninchen zu verwenden. Ein Tier kann Ihnen nicht sagen, was es gerade gehört hat, oder wie eindeutig es hörte. Aber ich war mein eigenes Versuchskaninchen und ich wurde nicht von möglichen schlechten Auswirkungen eingeschränkt, und ich bin hinter das Geheimnis gekommen".

Es stellt sich die Frage, auf was genau Pat gekommen ist – er selbst weiß nicht genau, warum sein Neurophon funktioniert – aber keine Frage, was auch immer entdeckt hat ist wertvoll. Mehrere Firmen haben ihr Interesse daran erklärt, die Rechte auf das Neurophon zu erwerben und eine Firma hat ihm versuchsweise eine Million Dollar angeboten, wenn die Maschine so umgearbeitet werden kann, dass Bilder an das Gehirn blinder Leute gesandt werden kann. Dr. William 0. Davis aus Stamford, der Huyck Gesellschaft (einer Forschungs- und Entwicklungsgesellschaft der Regierung), der auch vom Neurophon fasziniert ist, sagt "Die Fähigkeit, Radiosignale im Gehirn wahrzunehmen, ist ein bemerkenswertes Phänomen. Selbst wenn wir nie mehr über Pats Erfindung erfahren, selbst wenn wir nie erfahren, warum sie funktioniert, ist es trotzdem ein nützlicher Durchbruch, der einer ganzen Anzahl von Leuten helfen könnte". Davis, der Grundlagen-Forschungsprogramme der Luftwaffe betrieben hatte, fügt hinzu: "Es ist wichtig zu begreifen, dass der junge Flanagan die notwendige Intuition hatte, sein Neurophon zu erfinden. Man macht Entdeckungen intuitiv, in derselben Art würden Sie ein Bild malen oder eine Sinfonie schreiben."

Pat will jetzt zum College gehen, aber er ist besorgt darüber, sein Talent einzuschränken: "Ich suche das Wissen, das das College liefert, aber ich werde mich nie damit zufriedengeben, was jemand anderes geschrieben und getan hat." Er hofft darauf, mit zunehmenden Fertigkeiten andere Vorstellungen des menschlichen Verstandes zu untersuchen. "Ich glaube, dass eines Tages die ganze Vorstellung medizinischer Praxis durch die Elektronik verändert werden wird," sagt er. "Menschen werden elektronisch statt medizinisch getestet werden. Wenn Gott die Erde und den Himmel und die Kraft, die Menschen und Bäume lebendig macht hat, dann sollte es relativ einfach sein, etwas Geringeres als das zu erfinden".

Erklärungen wie diese tragen dazu bei, Pats Klassenkameraden ein wenig agressiv zu machen . "Pat ist ein schlauer Typ, ein ziemlicher Angeber, und sehr selbstsicher" sagt einer, ''aber leider ist er so viel besser, wenn er sich in den Kopf setzt, irgend etwas zu tun."

Pat behauptet, dass ihn diese Reaktion nicht stört. "Ich will natürlich anerkannt sein, aber einige Leute wurden ausgewählt, um ganz ihren Neigung nachzugehen." Pats Hände und Verstand sind von früh bis spät beschäftigt. Die in seinem vollgestopften Dachbodenlabor verstreuten Bücher  reichen von Zen über Karate und elektronischen Zeitschriften bis hin zu  "Die verborgenen Überredungskünstler ". Lichter schimmern an einer Maschine, die Wellenlängen testet, und er arbeitet an einer neuen Art, Fernseher einzujustieren.

"Leute denken, dass ich so viel im Leben geschaffen habe", sagt er. "Sie sagen, was willst Du noch machen, und solches Zeug. Aber ich weiß, wohin ich gehe, und ich weiß, was ich zu tun habe. Wenn ich sterbe, will ich etwas hinterlassen, das sehr wirkungsvoll ist und jedem hilft."

 

* (Anmerkung: der Originaltitel des Artikels ' Whiz Kid, Hands Down' ist ein Wortspiel. 'Hands Down' heißt sowohl 'mühelos' als auch 'Hände unten', was sich auf das neben dem Artikel abgebildete Foto Patrick Flanagans bezieht, auf dem er einen Kopfstand macht- mit den Händen unten)
Übersetzung ohne Garantie von Katrin Klink, 2002


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